Crash-Kurs in Industrie 4.0

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Industrie 4.0 ist für viele mittelständische Unternehmen eine immense Herausforderung. Der Textilmaschinenbauer Brückner hat innerhalb von nur zwei Tagen einen großen Schritt in die digitale Zukunft gemacht: Er hat sich für einen Hackathon entschieden und Start-ups ins Unternehmen geholt.

Den Schritt in die große Welt hat der Mittelständler Brückner längst geschafft. Das 1949 in Stuttgart von Kurt Brückner gegründete Familienunternehmen exportiert heute seine Textilmaschinen in alle Kontinente der Erde. „Fünfundneunzig Prozent der Maschinen, die wir produzieren, gehen ins Ausland“, erklärt Axel Pieper, der zusammen mit seiner Frau Regina Brückner das Unternehmen mit seinen 400 Mitarbeitern an den zwei Standorten Leonberg und Tittmoning leitet.

Jetzt plant der Mittelständler den nächsten entscheidenden Schritt ‒ und der geht in die digitale Welt. „Industrie 4.0 und das Internet der Dinge sind zwei Themen, die uns intensiv beschäftigen“, so Axel Pieper, der auch für die Entwicklung verantwortlich ist, „doch ganz allein können wir diese harten Nüsse nicht knacken.“ Obwohl Brückner ein eigenes Softwareentwicklungsteam aufgebaut hat und zusammen mit der Uni Stuttgart zwei Forschungsprojekte betreibt, geht es dem Unternehmen wie vielen anderen Mittelständlern auch – es fehlen die Ressourcen und die Zeit.

Ziel von Brückner ist es, seinen Kunden computergesteuerte Assistenzsysteme an die Hand zu geben, die die hoch komplizierten Maschinen transparenter machen, selbst steuern und die Wartung überwachen. Diesem Ziel ist der Maschinenbauer jetzt mit einem Hackathon einen großen Schritt näher gekommen. Zwei Tage lang haben vorher ausgewählte Start-ups ihre Sensoren, Kameras und Rechner an die Maschinen von Brückner angeschlossen, Programme und Algorithmen laufen lassen und Möglichkeiten ausgelotet, wie der Mittelständler seine digitale Vision in die Tat umsetzen kann.

„Hackathons helfen dem Mittelstand, die digitale Transformation zu bewältigen.“  Stefan Bley, EY-Advisory-Partner

„Hackathons sind wie ein Crash-Kurs für den Sprung in die digitale Welt“, sagt EY-Partner Stefan Bley, der zusammen mit dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) den Hackathon bei Brückner vorbereitet hat. „Sie helfen dem Mittelstand, die digitale Transformation zu bewältigen.“ Darüber hinaus sind Hackathons für beide Seiten eine echte Win-Win-Situation. Der Mittelständler erhält in kürzester Zeit kreative digitale Lösungsmöglichkeiten, während das Start-up die Chance bekommt, sich zu präsentieren und einen neuen Kunden zu gewinnen.

Das sehen auch die Beteiligten so. „Für uns war der Hackathon eine exzellente Gelegenheit, unsere Technologie praktisch einzusetzen und mit einem potenziellen Kunden zusammenzukommen“, erklärt Gründer Dr. Michael Geisinger von Dynamic Components. Und Axel Pieper von Brückner resümiert: „Die pragmatische Kreativität der Start-ups hat mich beeindruckt. Wir werden die Ideen weiterverfolgen ‒ und damit unserem Ziel, den Schritt in die digitale Zukunft erfolgreich zu gehen, wieder ein großes Stück näher kommen.“

 

Im Interview


Axel Pieper, Technischer Geschäftsführer des Textilmaschinenbauers Brückner, spricht in unserem Interview über die schwierige Kommunikation zwischen Hard- und Softwareentwicklern.

  • „Der Hackathon hat uns ein großes Stück vorangebracht“
    EY - Crash-Kurs in Industrie 4.0

    Axel Pieper im Gespräch mit Christophe Cauet vom Start-up Point 8

    Axel Pieper, Technischer Geschäftsführer des Textilmaschinenbauers Brückner, über die schwierige Kommunikation zwischen Hard- und Softwareentwicklern, frische Impulse von außen und die Vorteile eines Hackathons.

    Wie ist das Thema Industrie 4.0 bislang bei Brückner angekommen?

    Axel Pieper: Wir sind mittendrin. Jede Anlage, die wir bauen, ist ein Unikat ‒ und das spiegelt sich vor allem in der Software wider. Momentan können wir weltweit jede Maschine von uns aus steuern, diagnostizieren und Updates aufspielen.

    Aber wir wollen jetzt den nächsten Schritt gehen. Dazu gehört es beispielsweise, dass die Anlage selbst erkennt, welches Material sie verarbeitet und sich entsprechend einrichtet. Das ist hoch kompliziert. Ebenso wollen wir unseren Kunden Assistenzsysteme an die Hand geben, die ihnen die Steuerung der Anlage erleichtern.

    Was sind auf dem Weg hin zu Industrie 4.0 Ihre größten Herausforderungen?

    Pieper: Momentan ist es die „Kommunikation“ zwischen den Hardware- und Softwareentwicklern. Vieles, was für den Konstrukteur und Mechaniker klar, selbstverständlich und trivial ist, ist für den Softwareentwickler komplex und eine große Herausforderung. Nur wenn er die Anlage wirklich versteht und weiß, wie die Prozesse auf ihr ablaufen, kann er seine Programme schreiben und die Maschine digitalisieren.

    Sie haben sich für einen Hackathon in Ihrem Haus entschieden. Warum?

    Pieper: Neugier, frische Ideen, digitale Impulse – es war eine Mischung aus allem. Wir haben ja bestimmte Themen, an denen wir kontinuierlich arbeiten. Neben der Entwicklung von Assistenzsystemen und selbstlernenden Maschinen sind das vor allem die Digitalisierung von Prozessen, die Datenanalyse und die vorausschauende Wartung.

    Als der VDMA und EY den Hackathon angeboten haben, war für uns sofort klar, dass wir mitmachen. Wir waren gespannt, welche Lösungen uns die Start-ups nach den eineinhalb Tagen präsentieren würden.

    Und war Ihre Entscheidung richtig?

    Pieper: Auf alle Fälle. Mir hat der pragmatische und lösungsorientierte Ansatz gefallen. Die jungen Leute haben die Ärmel hochgekrempelt und losgelegt. Das beflügelt. Und die Präsentationen am Schluss des Hackathons haben gezeigt, dass in der kurzen Zeit wirklich neue Lösungen gefunden werden.

    Einige Ideen werden wir weiter verfolgen, beispielsweise im Bereich der visuellen Datenanalyse und der vorausschauenden Wartung. Der Hackathon hat uns auf dem Weg in die digitale Zukunft wieder ein großes Stück vorangebracht.